Der Weg zur Klassik-CD



Idee

Am Anfang einer jeden CD-Produktion steht eine Idee:
„Wie wäre es, wenn...“ „Soll´n wir nicht mal...“ „Ich hab' da was gefunden...“
Die Klassifizierung in „viel zu teuer“ (= im Prinzip chancenlos), „ziemlich verrückt“ (= könnte was werden) „ganz gut“ (=!!! ) ist noch schnell getroffen.
Doch dann beginnt die Recherche: Womit kombiniert man ein Werk, damit ein sinnvolles CD-Programm herauskommt? Musiklexika und Werkverzeichnisse werden gewälzt und immer stellt sich die Frage, warum hat der Komponist vor 270 Jahren nicht daran gedacht, daß unser moderner Tonträger um die 70 Minuten Aufnahmekapazität besitzt?

(Die erste „CD" hatte die Größe einer LP und konnte 10-12 Stunden Musik enthalten. Die Frage, wie lang denn der neue Tonträger nun sein sollte, stellte man Herbert von Karajan, und er wünschte sich, daß zukünftig die 9. Sinfonie von Beethoven ohne das störende Seitenwechseln abspielbar sein sollte. Das waren in seiner Interpretation 74 Minuten... Heute gibt es die neue CD-Generation genannt DVD, und wieder ist eine Spielzeit von 10-12 Stunden möglich. Die an dieser Stelle erwartete prominente Antwort ist noch nicht gesprochen...)

Schwarze Kunst

Heute sind Komponisten durchaus vertraut mit den Gegebenheiten der modernen Schallaufzeichnung. So hat Castelnuovo-Tedesco in seinen 24 Caprichos de Goya op. 195 bezüglich der Spieldauer genau die Möglichkeiten der „schwarzen Scheibe“ (LP= Langspielplatte 33 U/Min) vor Augen gehabt: Er gliedert das Werk in vier in sich abgeschlossene Teile, die mit jeweils ca. 20 Minuten ohne klangtechnische Einbußen genau auf vier LP-Seiten paßten. Das ist heute für eine CD zu viel - für zwei recht knapp... Soll da noch was zugekoppelt werden, nur damit die Spielzeit erfüllt ist? - (Wir haben es nicht getan und dieses grandiose Hauptwerk der Gitarrenliteratur auf 2 CDs mit jeweils ca 44 Minuten veröffentlicht. ( MDG 305 0725-2)

Dadaismus

Natürlich steht an erster Stelle die musikalische Qualität eines aufzunehmenden Werkes. Gibt es davon schon Vergleichseinspielungen, hat es folglich einen höheren Repertoirewert? Natürlich muß sich jeder Produzent überlegen, ob er die x. Einspielung der y Sinfonien (Sie wissen schon: da,da,da,daaa) herausbringen muß (weil es sich so gut verkauft).
Gerade aber bei unbekannten Werken ist der intensive Blick in die Stimmen und Partituren eine wichtige Voraussetzung, denn nicht jedes neu entdeckte Werk ist auch ein Meisterwerk. Aber der Katalog beweist: Es gibt immer wieder hervorragende Entdeckungen, die das Repertoire bereichern...

Spielernatur

Schon bei der Repertoireauswahl arbeiten wir eng mit den Künstlern zusammen. Ja, manche haben sich selbst zu wahren Archäologen in Sachen Musik entwickelt. Das Repertoire unserer Exklusivkünstler enthält jetzt so manche Kostbarkeit, die nur durch intensives Suchen und Forschen in alten Bibliotheken und Sammlungen entdeckt werden konnte. Hätten Sie gewußt, wo heute die Musiksammlung der Erzherzogin von österreich liegt? (Richtig, in Rio de Janeiro!) Ist das Notenmaterial aufgespürt, muß häufig noch erst eine Partitur aller Stimmen angefertigt werden, nicht zuletzt, damit der Tonmeister bei der Aufnahme alle Stimmen im überblick behält. (Die Aufnahme etwa eines Bläsersextetts nur mit Hilfe der 1. Klarinettenstimme ist so wie das Jonglieren mit sechs rohen Eiern mit nur einer Hand ...)

Raumwunder

Wichtig für das klangliche Ergebnis unserer Aufnahmen ist die Wahl des geeigneten Aufnahmeraums, denn nicht jede Besetzung klingt in jeder Akustik angenehm: Es gibt Werke, bei denen eine große Raumwirkung und Klangentfaltung unbedingte Voraussetzungen sind, wie es zum Beispiel die Einspielungen der französischen Orgelromantik (Track 7: Widor - Toccata) belegen. Die überwältigende, etwa 120 m lange gotische Kirche St. Ouen in Rouen bietet nicht nur die originale Klangkulisse: bedeutsam für eine autentische Wiedergabe ist auch die original erhaltene Orgel von Aristide Cavaillé Coll, für die Widor viele seiner Orgelsinfonien komponierte.
Im Bereich der Kammermusik kommt es bisweilen auf äußerste Klarheit und Klangpräzision an, ohne daß die Akustik etwa „trocken“ sein darf (Tno. 10: Schulhoff). Einige erlauchte Plätze, wie die Fürstliche Reitbahn in Arolsen oder der Festsaal der Oranienburg in Nordkirchen, aber auch verschiedene Kirchenräume (Tno. 6: Händel), werden von uns bevorzugt aufgesucht, wenn feinste Klangnuancen wiedergegeben werden sollen.
Und für symphonische Werke kommt sicher nur ein hervorragender Konzertsaal in Frage, wie es z. B. die Stadthalle in Wuppertal (Tno. 20: Reicha) ist.

Naturklang

Bei dieser Art Produktion „vor Ort“ gehen die raumakustischen Begebenheiten nicht nur direkt in das Klangbild der Aufnahme ein, sondern selbstverständlich auch in die Interpretation. Denn wie lange ein Musiker wartet, bis er beispielsweise nach einer Generalpause weiterspielen möchte, hängt sehr vom abklingenden Raumklang ab. (Umgekehrt ist ein im Studio aufgenommenes klassisches Werk, dem mit künstlichem Hall „Größe“ eingehaucht wird, nicht nur für den Musiker, sondern auch für den Hörer an solchen Stellen unbefriedigend: die Musik bleibt kalt, distanziert, unecht und nicht lebendig.)
Ziel unserer Aufnahmen ist es, den Raumklang oder die Atmosphäre des jeweiligen Ortes so mit aufzunehmen, daß der Musiker sich in der Akustik wohl fühlt und der Hörer unmittelbar ins klangliche Geschehen einbezogen ist.

Nachtaktiv

So schön die natürliche Akustik auch klingt: In der Realität handelt sich der Produzent eine Menge Probleme vor Ort ein: Da knackt beständig die altersschwache Heizung, die barocken Fensterscheiben fühlen sich kaum in der Lage, den Verkehrslärm abzuhalten, und plötzlich rütteln interessierte Touristen an der Tür „...machen Sie hier ein Konzert?“ - So sind es häufig die Nachtzeiten, in denen Musiker aktiv werden und sich zu Höchstleistungen inspirieren lassen (einmal nur „gestört“ durch eine Nachtigall, die sich von den Flötentönen der Bach´schen Solosonate anlocken ließ ...).

Klangtransport

Bestimmt durch die wechselnden „Spielplätze“ ist unsere Aufnahmetechnik in kleinen transportablen Einheiten zusammengefaßt: In mehreren Transportkoffern befinden sich ausgesuchte Mikrofone, Mischpulte, hochwertige AD (Analog/Digital)- Wandler, digitale Aufzeichnungsgeräte, Verstärker, Abhörmonitore und Kopfhörer und natürlich Stative, Kabel, einige Stunden Bandmaterial, ein langer Bleistift, Stimmgabel und Partituren.
Die gesamte Aufzeichnungstechnik (Mischpult, Wandler, Recorder, Monitor ...) werden in einem Nebenraum - akustisch getrennt vom Aufnahmeraum - aufgebaut, damit wir Tonmeister die Aufnahmequalität ständig kontrollieren können. Zum Aufnahmeraum wird eine Sprechverbindung installiert - sie dient zur Verständigung mit den Musikern.

„Band läuft“

Im Aufnahmeraum wird zunächst die richtige Positionierung der Musiker erprobt. Anschließend werden die Mikrofone so aufgestellt, daß sich ein optimales Verhältnis zwischen Direktschall und Raumklang einstellt.
Alle klanglichen Feinkorrekturen werden nur mit Hilfe der Mikrofone vorgenommen (MDG verwendet keine Klangfilter, keinen künstlichen Hall, natürlich sind Dynamik-Begrenzer tabu), und hierfür steht eine bestimmte Auswahl unterschiedlich klingender professioneller Kondensatormikrofone zur Verfügung.
Die Klangunterschiede bestehen nicht nur zwischen den verschiedenen Mikrofontypen, sondern auch zwischen Entwicklungen der einzelnen Hersteller Bruel & Kjaer, Neumann, Schoeps, Sennheiser), und das macht die MDG-typische „Klangeinstellung mit dem Mikrofon“ erst möglich.
Nach einer allgemeinen „Anwärmphase“, die Instrumente werden gestimmt, die Stühle gerückt, letzte Noten mit Taktzahlen versehen („Wo ist denn mein Bleistift?“) beginnt die erste Aufnahmesitzung mit einer „Probeaufnahme“ - meist eine Ganzfassung des ersten Satzes. Sie wird von allen Musikern anschließend mit Spannung abgehört, denn genau so wird die neue CD schließlich klingen. Dabei interessiert den Aufnahmeleiter als Tonmeister zunächst, wie die Balance (= das Verhältnis der Einzelstimmen zueinander und zum Gesamt-/Raumklang) eingeschätzt wird. Es gilt herauszufinden, ob ein Instrument im Klangbild wirklich zu nahe (oder zu entfernt) ist oder ob der Spieler vielleicht zu laut (oder zu leise) gespielt hat, weil sich die ganze Gruppe noch nicht vollständig in die Akustik des Aufnahmeraumes eingelebt hat. Vielleicht gibt es doch noch eine Oktave, die beim Konzertflügel nicht optimal gestimmt ist - in dem Fall gibt der immer anwesende Klavierstimmer (der im Nebenamt dankenswerter Weise auch schon mal die Noten wendet) die Sicherheit für ein optimal einsatzbereites Instrument.

Verwirrspiel

Die Kunst des Aufnahmeleiters wird dann zum ersten Mal auf eine harte Probe gestellt, wenn spontane Klangbeurteilungen kommen wie “mein Instrument klingt brillant, aber irgendwie dumpf“ - „... ist schön präsent, aber zu entfernt“ oder „also ich bin grundsätzlich zufrieden, aber ihr seid alle zu laut“. So gegensätzlich diese Aussagen hier klingen, sie sind es auch! Aber irgendetwas meint der Musiker ja tatsächlich: Leider hält die deutsche Sprache für alle Sinne hervorragend beschreibende Wörter bereit - nur für Hörerscheinungen gibt es keine klar definierten und im allgemeinen Sprachgebrauch verankerte Begriffe. Spätestens nachdem alle ein zweites Mal in die Probeaufnahme gehört haben, ist die „Klangdiskussion“ dann beendet ...

Tagewerk

Die rein technische Klangeinstellung (der optimale Mikrofonabstand der Instrumente zu den Haupt-/Raummikrofonen und die exakten Pegelverhältnisse am Mischpult) erfolgt nur am Beginn der ersten Aufnahmesitzung und wird während der gesamten folgenden Produktionszeit, die drei bis fünf Tage dauern kann, nicht mehr geändert, damit die natürliche Klangbalance erhalten bleibt.
Danach folgt die intensive Erarbeitung der Musik anhand der Partitur, deren Kenntnis bis in die letzten kleinsten Details wichtige Voraussetzung für die künstlerische Aufnahmeleitung ist. Denn die Aufgabe des Tonmeisters besteht nicht nur darin, alle Nebengeräusche, eventuelle Verspieler, zu flach angesetzte dynamische Steigerungen, Intonationstrübungen ... herauszuhören, sondern vor allem den Musikern an allen Stellen der Partitur diejenige Inspiration zu entlocken, die ihre Interpretation verstärkt, und die zuletzt für den Hörer der Atmosphäre eines unvergesslichen Konzertabends entspricht.

Hausaufgaben

Das künstlerische Ergebnis einer CD-Einspielung setzt sich zusammen aus dem musikalischen Dialog während der Aufnahmesitzungen und der behutsamen Auswahl der richtigen Takes bei der abschließenden Montage des Masterbandes.
Wenn die letzte Fassung aufgenommen ist, sind für eine CD etwa 8-12 Stunden Bandmaterial vorhanden. Jetzt ist es die Aufgabe des Tonmeisters, anhand der genauen Einzeichnungen in seiner Partitur eine Schnittliste zu erstellen. Nach und nach entsteht am digitalen Schnittgerät (Editor) durch musikalisch sinnvolle Kombination der besten Aufnahmetakes das Masterband. (Da die Aufnahmen von MDG schon bei der Aufzeichnung fertig abgemischt sind, erfolgt beim Schnitt keinerlei Klangkorrektur - die einzelnen Schnittstellen werden so lange abgestimmt, bis eine klangtechnische Beeinflussung des Originals ausgeschlossen ist und sich für das Ohr eine musikalisch erstklassige Aufführung ergibt.)
Es kann leicht ermessen werden, daß für den musikalischen Schnitt etwa dieselbe Zeit anzusetzen ist, wie für die eigentliche Aufnahme.

Im Schnittpunkt

Für den musikalischen Schnitt stehen in unserem Hause zwei Systeme zur Verfügung: Das Sony-System arbeitet mit der Longitudinalaufzeichnung (die Takes werden in Echtzeit Schnitt für Schnitt von einem „Player“ auf den „Rekorder“ kopiert, auf dem damit das fertige Masterband entsteht. Vorteil: der Schnitt ist direkt von den Aufnahmebändern möglich - Nachteil: spätere änderungswünsche sind zeitaufwendig, da jeweils nur in Echtzeit möglich).
Das System von Sonic Solutions arbeitet mit Festplattenspeicher (auf den zunächst alle Takes „geladen“ werden müssen, bevor der eigentliche Schnitt beginnen kann). Vorteil: jeder Schnitt ist auch nachträglich veränderbar - Nachteil: Zeitaufwand beim „Laden“ und „Entladen" des Systems. (Als Zwischenspeicher dient das Exabyte, das immerhin in doppelter Echtzeit laden und speichern kann und auch als „DDP-Master“ vom CD-Hersteller akzeptiert wird.)

Feinschliff

Die fertige Version des Musikschnittes wird natürlich den Künstlern vorgelegt, die sich vielleicht noch für die eine oder andere Stelle eine Alternativfassung wünschen. Sind die allerletzten musikalischen Korrekturen am Masterband gemacht, erfolgt ein „Tape check“: Das Masterband wird auf elektonische Fehler untersucht und ein dabei ausgedruckter Kontrollzettel listet minutiös alle vorkommenden Stufen der automatischen Fehlerkorrektur auf.
Anschließend werden die „ PQ-Daten“ gesetzt: Jetzt erhält das Band die Tracknummerierung (dabei werden sämtliche Anfänge und Endpunkte der Sätze markiert), eventuell werden auch Index-Markierungen gesetzt (sie erlauben dem Hörer das schnellere Auffinden bestimmter Untergruppen, z. B. der einzelnen Variationen oder des Trios eines Menuetts ...) und die CD bekommt ihre Gesamtspielzeit genannt: Erst mit diesen Daten versehen kann die CD zu Hause ihren ganzen Komfort ausspielen ... Und natürlich wird ein Masterband erst dann zur überspielung aus dem Haus gegeben, wenn es abschließend einer letzten genauen Hörkontrolle unterzogen wurde.

Druckwerk

Parallel zur Fertigstellung des Masterbandes erfolgt die Vorbereitung des „Booklets“, des Beiheftes zur CD. Ein Titelbild, passend zur Musik, will aufgespürt werden, der CD-Titel wird festgelegt und der Grafiker stellt einen Entwurf der Titelseite vor.
Unsere musikwissenschaftliche Mitarbeiterin kümmert sich inzwischen um den Einführungstext zu den Werken, überprüft Zitate und Opuszahlen (denn hier können sich leicht Fehler einschleichen), läßt übersetzungen anfertigen, telefoniert nach der fehlenden Künstlerbiografie und hofft derweil kein Künstlerphoto zu vertauschen und trotzdem alle Sonderwünsche zu erfüllen ...
Auf die „Inlaycard“ (so heißt das rückseitige Blatt der CD-Verpackung) werden die musikalischen und techischen Angaben übernommen (Satztitel, Spielzeiten, Mitwirkende, Sponsoren...) Und natürlich darf auch der Film für den „Labelaufdruck“ (die bedruckte Rückseite der CD) nicht vergessen werden.

Fix und Fertig

Endlich können das Masterband für die Pressung und die fertigen Filme für den Druck außer Haus ins benachbarte Gütersloh gegeben werden: Unser bewährter Partner ist dort seit 20 Jahren die Bertelsmann-Tochter Sonopress.
Inzwischen ist es höchste Zeit, daß unsere Vertriebspartner informiert werden, daß die angekündigten Neuheiten ab sofort für den Verkauf zur Verfügung stehen. Presseexemplare werden eingepackt und versandt und Anzeigen in internationalen Fachzeitschriften geschaltet. Natürlich versuchen wir jedes Magazin, jede Zeitschrift zu bekommen, ständig auf der Suche nach fachkundigem Rat und sachkundiger Kritik. Und immer wieder sind es gerade die Hörer, die uns motivieren und aufmuntern unbedingt so weiterzumachen. Und plötzlich ist sie wieder da. Die neue Idee...