Die spektakulärste Traversflöte der Welt - die Denner-Flöte

Denner-Flöte

Aufnahmen

Hin und wieder, ganz selten, gehen auch für Spieler alter Musikinstrumente Wunschträume in Erfüllung, werden Märchen wahr, geschehen Wunder. Als ein solches Wunder kann man getrost die Entdeckung der Traversflöte von Jacob Denner bezeichnen, die sich gegenwärtig im Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen und in den Händen von Konrad Hünteler befindet.

Jacob Denner (1681-1735) aus Nürnberg war der berühmteste Holzblasinstrumentenbauer seiner Zeit in Europa. Vor allem seine Querflöten waren im ganzen 18. Jahrhundert sehr gesucht und wurden für ihren ausgeglichenen Klang und ihre perfekte Stimmung gepriesen. Denner war selbst ein hervorragender Spieler; nicht zuletzt dadurch hatten seine Instrumente gegenüber denen seiner Konkurrenten einen erheblichen Vorsprung. In kläglichem Gegensatz zu Denners Bedeutung für die Entwicklung des Holzblasinstrumentenbaus steht heute leider der Bestand an bekannten Querflöten des Nürnberger Meisters: bis zur Entdeckung der hier vorgestellten Flöte kannte man nämlich von Denner überhaupt nur drei Querflöten, zwei im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und eine im Musée Instrumental du Conservatoire Royal de Musique in Brüssel. Der Grund hierfür dürfte wenigstens zum Teil in der Tatsache zu sehen sein, daß die Querflöte im 19. Jahrhundert vollständig umkonstruiert wurde, was dazu führte, daß man die veralteten Instrumente des 18. Jahrhunderts durch »moderne« ersetzte, wodurch jene wertlos wurden und wahrscheinlich zu hunderten in die Kamine wanderten. In vollem Umfange wird der unwiederbringliche Verlust erst deutlich, wenn man sich vor Augen hält, daß von den ca. eintausend Violinen, die etwa Antonio Stradivari gebaut hat, heute noch ungefähr sechshundert nachzuweisen sind, weil eben kostbare Violinen im allgemeinen im 19. Jahrhundert nicht weggeworfen wurden, sondern umgebaut werden konnten, um sie den veränderten Anforderungen an Lautstärke, Spieltechnik und Brillanz des Klanges anzupassen.

Als im Spätherbst 1991 in der Nähe von Nürnberg ein altes Haus zum Abriß bestimmt wurde, da fand man beim Entrümpeln des Dachbodens einen auffälligen, offensichtlich einst kostbaren Holzkasten, der jene spektakuläre Flöte enthielt, die darin offensichtlich die letzten zweihundert Jahre quasi im Dornröschenschlaf unberührt gelegen hatte.

Das Ungewöhnliche an der Flöte ist zunächst einmal ihre Vollständigkeit. Sie befindet sich noch in ihrem originalen, aufwendig gearbeiteten Holzkasten, der innen mit rotem Chamois ausgeschlagen und außen mit bedrucktem Pergament eingefaßt ist, das noch Spuren einer ursprünglich vorhandenen Vergoldung zeigt. Die Oberseite zeigt als zentrales Dekor zwei ineinander verschachtelte achteckige Sterne von unterschiedlicher Gestaltung in einem mit reicher barocker Ornamentik ausgefüllten Dekorfeld, umgeben von mehreren unterschiedlichen Schmuckbändern.

Auf der Unterseite des Kastens befindet sich ein barockes Emblem, das unter einer Art chinesischem Baldachin eine Person erkennen läßt, die ein lautenähnliches Instrument spielt. Möglicherweise kann dieses Emblem Anhaltspunkte liefern über den ersten Besitzer des Instruments. In einigen der den Kasten auf allen Seiten umziehenden Schmuckbänder ist die immer wiederkehrende Buchstabengruppe »AS« zu erkennen; möglicherweise handelt es sich hierbei um Initialen, die ihrerseits vielleicht auch Hinweise auf die Geschichte der Flöte enthalten.

Die Flöte selbst, die aus Buchsbaum gearbeitet ist, der mit Salpetersäure ursprünglich fast schwarz gebeizt war, ist in diesem Kasten vollständig erhalten mit Kopfstück, vier Mittelstücken, Herzstück und Fußstück mit einer silbernen Klappe. Alle Teile tragen Jacob Denners Stempel: ein geschwungenes Banner mit dem Namenszug »I Denner« darin und darunter einen Tannenbaum mit den Buchstaben »I« und »D« links und rechts des Stammes. Die ersten drei Mittelstücke spielen auf d' ungefähr in den Stimmtonhöhen von a' = 422, 412 und 402 Hz; das vierte und längste Mittelstück spielt auf h in der Stimmung von a' = 422 hz, bzw. auf c' in der Stimmung von a' = 402; es transponiert die Flöte also um eine kleine Terz nach unten gegenüber dem höchsten Mittelstück und um einen Ganzton gegenüber Nr.3. Damit macht es die Flöte zu einer »flûte d'amour«. Keine andere Querflöte Jacob Denners ist mit so vielen Mittelstücken erhalten, von keiner anderen kennen wir ein Mittelstück, das sie zur flûte d'amour macht. Keine der anderen Flöten schließlich hat einen so aufwendig gearbeiteten Kasten. Ebenso ungewöhnlich ist der nahezu makellose Erhaltungszustand der Flöte. Das Mundloch der Flöte ist beinahe perfekt kreisrund mit einem Durchmesser von 8,85 bis 9,00 mm und verhältnismäßig wenig unterschnitten, hauptsächlich auf beiden Seiten parallel zur Blasrichtung. Es ist ganz offensichtlich niemals nachgearbeitet worden.

Alle Teile sind vollkommen gerade ohne die geringste sichtbare Verformung, selbst die Bohrungsprofile sind weitgehend noch kreisrund; gelegentliche Abweichungen von der Kreisform sind minimal. Zum Zeitpunkt der Entdeckung der Flöte war die Klappe noch mit dem originalen Lederpolster versehen, das inzwischen, da es hart und undicht geworden war, ausgewechselt wurde, aber noch vorhanden ist. Auch der originale Abschlußkork im Kopfstück war noch vorhanden; auch er mußte inzwischen jedoch ersetzt werden.

Im 18. Jahrhundert hat das Fußstück der Flöte eine Beschädigung erfahren, durch welche die Halterung der Klappe aus dem umlaufenden Wulst ausbrach. Bei der Reparatur wurde das herausgebrochene Holzstück ersetzt und die Klappenfeder in den Stiel eingenietet.

Die unterschiedlichen Verfärbungen der dunkel gebeizten Mittelstücke lassen erkennen, daß die Flöte im 18. Jahrhundert fast ausschließlich mit dem kürzesten Mittelstück gespielt worden ist, also in einer Stimmtonhöhe von ca. a' = 422 hz. Diese Stimmung deckt sich mit der Stimmung mehrerer Altblockflöten Denners im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, sie scheint also die zu Denners Lebzeiten in Nürnberg gebräuchliche Stimmung gewesen zu sein. Eher geringfügige Gebrauchsspuren zeigt das dritte Mittelstück für die Stimmung a' = 402; von allen Mittelstücken der Flöte ist dies jedoch dasjenige, das am besten klingt und stimmt. Vermutlich wurde die Flöte mit diesem Mittelstück abgestimmt, um die Kompromisse bei Verwendung des Flute d'amour-Mittelstückes in erträglichen Grenzen zu halten. Überhaupt keine Spuren des Gebrauchs zeigt das zweite Mittelstück; in der Stimmung a' = 412 dürfte das Instrument also nicht gespielt worden sein. Mittelstück vier dagegen, das flûte d'amour-Mittelstück, scheint mindestens ebensoviel benutzt worden zu sein wie Nr.3, was immerhin nahelegt, daß die Verwendung transponierender Querflötengrößen möglicherweise gebräuchlicher war, als uns bisher bekannt ist. Vielleicht können hier zukünftige Forschungen noch weitere Klarheit bringen.

Eine ungewöhnliche Form weist die Elfenbeinkappe am oberen Ende des Kopfstückes auf: im Vergleich mit den anderen bekannten Querflöten von Denner ist die Kappe dieser Flöte aufwendiger gearbeitet; sie hat eine gerundete Abschlußfläche und ist an den Kanten jeweils mit mehreren Zierrillen versehen. Wenn auch nicht ausgeschlossen werden kann, daß die Kappe später hinzugefügt wurde, so spricht für ihre Zugehörigkeit zur Flöte von Anfang an, daß die Aussparung im Kasten, die das Kopfstück aufnimmt, auf die Länge mit einer solchen abgerundeten Kappe berechnet ist.

Die Vierteiligkeit des Instrumentes und die äußere Formgebung seiner Teile lassen im Vergleich mit den anderen bekannten Denner-Flöten für seine Entstehung die Zeit zwischen 1715 und 1720 als wahrscheinlich erscheinen. Damit ist die Flöte das ideale Instrument für die Kompositionen J.S.Bachs, G.Ph.Telemanns, G.Fr.Händels, A.Vivaldis und deren Zeitgenossen, die alle ihre wichtige Flötenmusik in den Jahren zwischen 1718 und etwa 1740 geschrieben haben.

Das eigentlich faszinierende der Flöte aber ist, nach allem Gesagtem, ihre Spielbarkeit, ihr Ton und ihr Klangverhalten. Auf der einen Seite steht ein ungewöhnlich voller und üppiger, dunkler und farbenreicher Ton mit einer enormen dynamischen Bandbreite, der die Idee der »soft, complaining flute« (Händels Cäcilienode) und des »süßen Honigseims« (Ch. F. D. Schubart) zum mindesten relativiert; eher schon fühlt man sich an die kräftig und dunkel klingenden französischen Instrumente der Jahrhundertwende oder an Quantzens »hellen, schneidenden, dicken, runden, männlichen, doch dabey angenehmen Ton« erinnert. Dazu kommt, daß die Flöte in allen Lagen mühelos anspricht und selbst auf g''' und a''' noch ohne Mühe im piano spielt. Eindrucksvoll ist auf der anderen Seite ihre Intonationsreinheit, eine Qualität für welche die Flöten Denners im 18. Jahrhundert berühmt waren. Speziell das dritte Mittelstück (a' = 402) stimmt einwandfrei; auffallend ist, daß viele Töne, die auf den meisten erhaltenen Originalen und ihren Nachbauten intonationsmäßig problematisch sind, auf dieser Flöte erstaunlich wenig Ausgleich durch den Ansatz erfordern, Selbst das flûte d'amour-Mittelstück verlangt verhältnismäßig wenig Intonationskorrektur.

Aus allem Gesagten folgt, daß mit der Entdeckung dieser Flöte ein besonders wichtiger und äußerst seltener Fund gelungen ist; nach Meinung der Fachleute handelt es sich um die am besten und vollständigsten erhaltene Flöte des frühen 18. Jahrhunderts überhaupt, die noch dazu über phänomenale Spieleigenschaften verfügt. Man kann deshalb ohne Einschränkung von einem großen Glücksfall sprechen, daß es der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen gelungen ist, dieses kostbare Instrument als ihr Eigentum zu erwerben, um dadurch dafür zu sorgen, daß es in seinem jetzigen Zustand erhalten bleibt, daß es darüber hinaus der Musikforschung zur Verfügung steht, aber auch - und nicht zuletzt - daß es für Konzerte und Aufnahmen genutzt wird; denn schließlich wird erst dadurch ein so seltenes, hervorragendes und kostbares Instrument seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt.

[Der Weg zur Klassik CD]