Käte van Tricht

(geb. 1909 Berlin, gest. 1997 Bremen) wuchs als Tochter eines aus den Niederlanden zugewanderten Kapellenleiters in Bremen heran. Nach dessen frühem Tode schlug sich die Mutter als Vermieterin durch. Zwar lernte Käte van Tricht früh Klavier spielen und durfte im Domchor singen; das junge Mädchen aber war keine »gute« Schülerin, weil man sie zu Musik zwang, die ihr zunächst gar nicht zusagte; lustige Lieder und Tanzmusik lagen ihr doch viel näher. Und das verdammte Bach Üben, wenn doch draußen die anderen Kinder spielten!
In den Zwanziger Jahren konnte man in Bremen eine staatliche Musiklehrer-Prüfung ablegen. Als Käte van Tricht sich für das Fach Klavier meldete, entdeckte sie, daß eine solche Prüfung auch für Orgel möglich sei. Da Domkantor Eduard Nößler (1863-1943) ihr das Orgel-Üben gestattet hatte, meldete sie sich flugs auch dafür. Sie bestand nicht nur, sondern bekam sogar ein Stipendium angeboten, das aber so klein war, daß sie es nicht annehmen konnte, weil keine weiteren Mittel zur Verfügung standen. Dafür fand sie mit neunzehn Jahren ihre erste kleine Organistinnen-Stelle im Stadtteil Walle. Hier begann sie, sich Repertoire zu erarbeiten. Als 1930 Richard Liesche (1890-1957) das Domkantorat übernahm, entdeckte er »die Kleine« und zog sie zu seinen Konzerten als Continuo-Spielerin hinzu. 1933 mußte die Zweite Organistenstelle am St. Petri Dom ausgeschrieben werden, weil der bisherige Inhaber - ein Lehrer - infolge der neuen Gesetze nicht mehr »doppelt verdienen« durfte. Käte van Tricht bewarb sich erfolgreich.
Durch Liesche in jeder Weise gefördert, wurde sie 1934 beim Bremer Bach-Fest zur Nachwuchssensation als Organistin und Cembalistin. Sie begriff, daß sie Ausbildungs-Defizite aufzufüllen habe und ging mit einem Stipendium der Bremischen Landeskirche ans Leipziger Konservatorium, um die für eine »ordentliche« Organistin für unumgänglich gehaltenen theoretischen Fächer und bei Karl Straube sich »letzten Schliff« zu holen.
Besonderes Gewicht in diesen neun Monaten in Leipzig gewann die pianistische Ausbildung bei Carl Adolf Martienssen (1881-1955) und das Gesangsstudium bei Fritz Polster (1891- ?), die alle das Fräulein Käte zu ihrer Meisterschülerin machen wollten. 1937 hat sie sogar in einer Kantaten-Sendung des Leipziger Rundfunks unter Straube mit dem Gewandhausorchester die Sopranpartie in »Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe« (BWV 25) gesungen.
Die »theoretischen« Fächer machten sie so »schwach«, daß sie »durchdrehte«. Als sie erfuhr, in Berlin könne man das gleiche Examen mit »mehr Praxis« (und »weniger Theorie«) bestehen (was natürlich nicht stimmte!), büchste sie heimlich nach dort aus, machte das Examen, fuhr nach Leipzig zurück - und bestand dort auch.
Zwei Jahre später legte sie dann noch - von Bremen aus - ihr Examen im Fach »Gesang« in Leipzig ab.
In Leipzig hatte sich die NS-Studentenschaft für ihren Ahnenpaß interessiert. Es stellte sich in Bremen heraus, daß der leibliche Vater nicht rein arisch war, was aber in Leipzig durch den Kommilitonen Carl August Duckwitz erfolgreich vertuscht werden konnte. Käte van Tricht mußte daher »unauffällig« durch die folgenden Jahre kommen, damit ihre Existenz nicht infolge eines Stellenwechsels mit neuerlichem Ahnennachweis gefährdet werde. Daher konnte sie Bremen nicht verlassen und übernahm 1943 zusätzlich Korrepetitionsaufgaben für Fritz Rieger (1910-1978) am Staatstheater. Außerdem wurde sie mehrmals zur musikalischen Betreuung als Sängerin und Pianistin hinter die Fronten geschickt (Frankreich, Holland, Belgien, Italien, Rußland).
Im Rahmen einer solchen Wehrmachtsbetreuung lernte sie ihren späteren Mann (Naturwissenschaftler) kennen, den sie nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete. Am Tage ihrer standesamtlichen Trauung spielte sie einen Klavierabend im Sophiensaal in München. Walter Panofsky (1913-1967) charakterisierte damals ihr Bach-Spiel in der SDZ: »Nicht nachdenken, wie es damals wohl war; fühlen, wie es gewesen sein muß«.
Nachdem sie zwei Söhne zur Welt gebracht hatte, begann Käte van Trichts eigentliche Karriere als reisende Organistin, die sie durch Europa und nach Übersee führte, Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen zeitigte. Sie wandte sich besonders der »symphonischen« Orgelmusik der französischen Schule zu, stand ihr doch eine dafür geeignete Sauer-Orgel im Bremer Dom von Anfang an zur Verfügung.
Nach ihrer Pensionierung übernahm Käte van Tricht die Aufgabe einer Organistin und Konzertveranstalterin an der Bremer Krankenanstalt St. Jürgen. Die ungebrochene Vitalität Käte van Trichts zeigte sich nun darin, daß sie u. a. mit einer mobilen elektronischen Orgel die einzelnen Stationen besuchte und dort spielte, was man zu hören wünschte. Und, damit ihr Leben nicht allzu langweilig werde, übernahm sie die Leitung eines Streichorchesters und einen Lehrauftrag an der Bremer Universität.
Dieser Abriß eines Lebenslaufes läßt nur andeutend erkennen, aus welcher Enge, unter welchen Einengungen sich diese Frau zu entwickeln hatte. Härteste Arbeit ist noch nie einem erfolgreichen Musiker - gleich welchen Geschlechts - erspart geblieben. Hier aber kamen so widrige Lebensumstände hinzu, daß nur ein Mensch unbrechbarer Vitalität zu überleben vermochte. Das kennzeichnet das Spiel der Käte van Tricht.
Den Prägungen ihrer Kindheit folgend hat Käte van Tricht nicht nur an Orgel und Cembalo (»Goldberg-Variationen«) gewirkt, sondern ist auch als Lied- und Chanson-Sängerin tätig gewesen. Infolgedessen gehört es zu ihrem persönlich-musikalischem »Portrait«, daß sie Kerll, Pachelbel, Bach, Rinck, Lefébure-Wély, Ives, Reger und Malengreau spielt. Für sie war attraktiv, was »Pfiff« hat. Das vermittelte sie »mit Pfiff« und machte manchen Hörer - begreifend - pfeifen.
Klaus Blum

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